Von der aromatischen Pflanze bis zur klinischen Anwendung ätherischer Öle

Aromakongress: 26. und 27.9.2008, Jugendstiltheater, Baumgartner Höhe, Wien

Ätherische Öle besitzen aufgrund ihrer komplexen Zusammensetzung, bestehend aus vielen pharmakologisch aktiven Einzelsubstanzen, sowohl für die äußerliche als auch innerliche Anwendung ein breites Wirksamkeitsspektrum.

Obwohl Arzneibücher und viele Gesetzestexte ausschließlich die Bezeichnung ätherische Öle verwenden, wäre der Name „Aetheroleum“ nach seiner Herkunft aus dem Lateinischen semantisch korrekt“, hält  Prof. emer. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Schilcher, Immenstadt und München, ehemals FU Berlin, fest: „Im deutschen Arzneimittelbuch gibt es unter anderem Monographien zu Carvi aetheroleum, Matricariae aetheroleum und Menthae piperitae aetheroleum.“

Bereits im Jahre 1977 erstellte Heinz Schilcher eine heute noch gültige biologische, chemische und physikalische Definition der ätherischen Öle (Deutsche Apothekerzeitung 117, 89-91), die 1978 vom International Symposium on Essential Oils (ISEO) übernommen wurde.

1.  Biologische Kriterien

  • Lokalisation (!) in besonderer „Räumen“ des Pflanzenkörpers
  • Bildung in Plastiden oder im Cytoplasma
  • Exkretnatur (Sekretnatur)
  • Aromatischer Geruch
  • Lokale (z. B. hyperämisierende) Wirkung auf Haut und Schleimhaut

2.  Chemische Kriterien

  • Monoterpene, Sesquiterpene, Phenylpropan-Derivate
  • Keine S-haltigen Naturstoffe!

3.  Physikalische Kriterien

  • temperaturbegrenzte Flüchtigkeit
  • apolare (lipophile) bis mittelpolare Verbindungen in Abhängigkeit von chemischer

Struktur (z. B. Vorkommen von OH-Gruppen) der Einzelverbindungen

Da  Aromastoffe nach dieser Definition nicht zwingend natürliche ätherische Öle sein müssen, sondern auch (semi)synthetischer oder tierischer Natur sein können, kann es rund um den Begriff Aromatherapie zu semantischen und juristischen Missverständnissen kommen. Unter der Aromatherapie im Sinne von Valnet, Gattefossé und Tisserand sind nur natürliche ätherische Öle gemeint.

Ätherische Öle kommen in rund 300 Pflanzenfamilien vor. Nach der Biosynthese in Plastiden und im Cytoplasma erfolgt die Ausscheidung und Lagerung in speziellen Ölbehältern, wie Ölzellen (Pfefferfrüchte, Ingwerwurzel), Drüsenhaaren (Thymian), Drüsenschuppen (Pfefferminze) und interzellulären Sekreträumen (Fenchelfrüchte). Eine genaue Kenntnis der Lokalisationsorte ist wichtig für die Trocknung, Lagerung und Weiterverarbeitung der Ätherisch-Öl-Droge und für die Gewinnung des ätherischen Öles aus der Ausgangsdroge. Ätherische Öle werden in der Regel durch Destillation oder Kaltpressung gewonnen.

Beachtung von Qualitätskriterien

Ätherische Öle werden aus wirtschaftlichen oder olfaktorischen Gründen häufig mit billigen Handelsölen verschnitten. Verschnitte, Verfälschungen und Verunreinigungen sind zum Teil nur durch aufwendige analytische Verfahren nachweisbar (Enantiomere mittels chiraler GC-Säulen, Organochlorpestizide durch GC und ECD sowie vorgeschalteter Gel-Chromatographie).

Lavendelöl aus Lavandula angustifolia Miller wird gerne mit Lavandinöl aus Lavandula intermedia (Kreuzung zwischen L. officinalis und L. latifolia) „gestreckt“, da Lavandinpflanzen deutlich mehr ätherisches Öl enthalten. In Lavandinöl ist allerdings der Gehalt an 1,8-Cineol und Campher erhöht, Linalylacetat vermindert. Fenchelöl aus Foeniculum vulgare Miller var. vulgare (Bitterfenchel) wird mit dem ätherischen Öl von F. vulgare var. dulce (süßer Fenchel) verschnitten und besitzt dann einen zu niedrigen Fenchongehalt (unter 15%) und einen erhöhten Estragolgehalt (über 5%).

Pfefferminzöl aus Mentha x piperita L., welches mit dem wesentlich billigeren Minzöl aus Mentha arvensis L. var. piperascens verschnitten wurde, erkennt man an einem höheren Gehalt an Isopulegol und Piperiton. Pfefferminzöle aus zu früh geernteten Pflanzen weisen zu niedrige Menthol- und zu hohe Menthon-Gehalte auf. Sie werden deshalb oft mit synthetischem Menthol und Methylacetat versetzt. Bei durch Pressung aus den Schalen von Citrus limon L. gewonnenem Zitronenöl wird gerne das deutlich billigere Süßorangenöl beigemengt. Diese Verfälschung kann man am sehr niedrigen Gehalt von Sabinen und Nerylacetat erkennen.

Heinz Schilcher: „Als gesetzliche Regelung zur Qualität ätherischer Öle kommen je nach Einsatz entweder Forderungen des nationalen oder europäischen Arzneibuches, ISO-Normen, die Vorgaben der Kosmetik-Verordnung oder die EU-Forderungen der REACH-Registrierung zur Anwendung. Das Arzneibuch verlangt auch die Prüfung auf Pestizide.“

Breites Wirksamkeitsspektrum

Ätherische Öle besitzen aufgrund ihrer komplexen Zusammensetzung, bestehend aus vielen pharmakologisch aktiven Einzelsubstanzen, sowohl für die äußerliche als auch innerliche Anwendung ein breites Wirksamkeitsspektrum.

Ätherische Öle können arzneilich-therapeutisch mit der Zielsetzung einer pharmakodynamischen Wirksamkeit verwendet werden, aber auch zur Hautpflege oder Unterstützung der Compliance bei äußerlichen Therapiemaßnahmen oder zum Zwecke einer psychosomatischen Therapiestrategie im Sinne der Aromatherapie des französischen Arztes Dr. Jean Valnét, des Kosmetikchemikers René-Maurice Gattefossé und des englischen Heilpraktikers Robert Tisserand. In der Praxis werden die unterschiedlichen Anwendungsgebiete oftmals nicht sorgfältig genug beachtet.

Wenn ätherische Öle zusammen mit hautfreundlichen fetten Pflanzenölen oder natürlichen Emulsionsgrundlagen in Konzentrationen bis zu 1%, z. B. zur Dekubitusprophylaxe, oder zur Stimulierung seelischer und geistiger Vorgänge in Konzentrationen von 107 bis 109 g/m3 Luft verwendet werden, genügen als Qualitätsvorschriften die sogenannten ISO-Standards für Kosmetika & Lebensmittel, z. B. ISO/FDIS 3515 für Lavandula angustifolia Miller. In ISO-Standards werden weder gaschromatische Profile noch Prüfungen auf Pestizide abverlangt. Sie unterscheiden sich somit deutlich von den Arzneibuchanforderungen.

Auswahl praxisrelevanter Wirkungen ätherischer Öle

(Prof. emer. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Schilcher Immenstadt und München, ehemals FU Berlin)

Äußerliche Anwendung

Innerliche Anwendung

antimikrobiell, antiseptisch, desinfizierend antimikrobiell, antiseptisch, desinfizierend
antiphlogistisch antiphlogistisch
desodorierend Appetit anregend
granulationsfördernd, wundheilend aquaretisch
hyperämisierend choleretisch, cholekinetisch
insektizid, Insekten abweisend Herz und Kreislauf anregend
  sedierend
  spasmolytisch

Die Wirkungen unter der innerlichen Anwendung können auch über äußerliche Anwendungen erzielt werden, vorausgesetzt dass durch Haut oder Schleimhäute genügend Wirkstoff aufgenommen wird oder die entsprechenden Effekte durch das Riechen über den Riechnerv und das Zentralnervensystem ausgelöst werden.

Rund 200 kontrollierte klinische Studien (Bob Harris in „Essential Oils”, Herausgeber: Baser und Buchbauer, CRP Press, Taylor and Francis) zeigen, dass für aromatherapeutische Wirkungen ausreichende Dosierungen der ätherischen Öle notwendig sind. Die Konzentration in den entsprechenden Zubereitungen muss mindestens 5% betragen. In der Aromapflege hingegen werden mit großem Erfolg Ätherischölmischungen unter 3% verwendet.

Die Anwendung ätherischer Öle kann laut Heinz Schilcher entweder im Sinne der klassischen Pharmakotherapie mit entsprechenden Dosierungen, Wirkungen und Indikationen oder im Sinne der traditionellen und wissenschaftlich untermauerten Aromatherapie als ganzheitliche Heilmethode, Erfahrungsheilkunde, transkulturelle Phytotherapie oder komplementäre Medizin erfolgen. Die ganzheitliche Heilmethode kann mit Hilfe ätherischer Öle Einfluss auf körperliche, seelische und geistige Vorgänge nehmen.

Literaturempfehlungen von Prof. emer. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Schilcher Immenstadt und München, ehemals FU Berlin:

1.  Schilcher H. „Ätherische Öle – Wirkungen und Nebenwirkungen“ Dtsch. Apoth. Ztg. 124. 1433-1442 (1984)

2.  Schilcher H. „Gerüche und Düfte für die Lebensorientierung“ Dtsch. Apoth. Ztg. 132. 919-921 (1992)

3.  Schilcher H. „Ätherische Öle – Neue pharmakologische Erkenntnisse ergänzen und bestätigen altes
Erfahrungswissen – Pfefferminze die Arzneipflanze des Jahres 2004“ Ärzteztschr. Naturheilv.
Regulationsmed. 45. Heft 5 (2004)

4.  Karsten H. „Der Einfluss der Duft-Farb-Ton-Therapie bei psychosomatischen Erkrankungen“ Karl F. Haug
Verlag, Heidelberg (1983)

5.  Buchbauer G. „Über biologische Wirkungen von Duftstoffen und ätherischen Ölen“ Wien. Med.
Wochenschr. 154/21. 539-547 (2004)

6.  Buchbauer G. et al. „Effects of Chiral Fragrances on Human Autonomic Nervous System Parameters and
Self-evaluation“ Chem. Senses 26. 281-292 (2001)

7.  Dingermann Th., Zündorf I. „Den Duftstoffen auf der Ferse“ Pharm. unserer Zeit 33. 430-432 (2004)

8.  The International Journal of Clinical Aromatherapy „Essential Oil Resource Consultants“ Au Village, 83840
La Matre, France (seit 2004 im Handel)

9.  Essential Oils: Hrsg. Baser H. und Buchbauer G., CRP Press Taylor & Francis

Kontakt:

Österreichische Gesellschaft für wissenschaftliche Aromatherapie und Aromapflege (ÖGwA)
E-Mail:
wolfgang.steflitsch@chello.at
Dr. Wolfgang Steflitsch

 

Kommentare sind deaktiviert.