Ein Bericht von Ass.-Prof. Mag.a Dr. Iris Stappen und Dr. med. Gerda Dorfinger

Obwohl die Aromatherapie und -pflege eindeutig über die Verwendung ätherischer Öle definiert ist, kommt es vor allem bei fachfremden Personen immer wieder zu der Annahme, dass mit (billigeren) Einzelverbindungen oder künstlich nachgebauten Duftölen der gleiche Effekt erzielt werden könnte. Dass dem aber nicht so ist, wurde bereits eindeutig bewiesen.
Bei ätherischen Ölen handelt es sich um Vielstoffgemische, die sich aus bis zu mehreren hundert Einzelverbindungen zusammensetzen können. Auf Grund dieser Komplexität ist es nicht möglich, das komplette ätherische Öle künstlich herzustellen. In der Riechstoff-Industrie wird daher meist nur eine Mischung aus den geruchgebenden Hauptinhaltsstoffen nachgebaut, um den Duft des Öls zu imitieren. Man muss sich bewusst sein, dass die Wirkung ätherischer Öle eine Summenwirkung all seiner Inhaltsstoffe ist, da die einzelnen Substanzen synergistische und/oder additive Wirkungen haben können. Deswegen haben „Duftöle“ sowie einzelne, isolierte Substanzen aus einem ätherischen Öl zumeist einen anderen Effekt als das ätherische Öl selbst (Deutsch-Grasl, Buchmayr & Fink, 2023, S. 67), was unter anderem an Untersuchungen mit ätherischem Sandelholzöl und dessen Inhaltsstoff α-Santalol wissenschaftlich bewiesen wurde (Heuberger et al., 2006; Hongratanawarokit et al., 2004).
Auch der italienische Phytotherapeut Marko Valussi beschreibt dieses Zusammenspiel als das Prinzip des „Netzwerks Pharmakologie“. Er erklärt es dabei anhand der stark antimikrobiellen Wirkung ätherischer Öle: Verschiedene Moleküle eines ätherischen Öls wirken gemeinsam und können sich gegenseitig in ihrer Wirkung unterstützen. Dabei können auch Inhaltsstoffe, die nur in geringer Konzentration vorhanden sind (z.B. p-Cymen), die Zellmembran von Bakterien durchlässiger machen, sodass stark antimikrobiell wirksame Stoffe wie Carvacrol besser in die Bakterien eindringen und diese stärker schädigen können. Die volle Wirksamkeit eines ätherischen Öls entsteht somit durch die Summe der verschiedenen Pflanzenstoffe und nicht allein durch einzelne hoch konzentrierte Inhaltsstoffe (Valussi, 2014). p-Cymen wird aber in einem nachgebauten Duftöl nicht berücksichtigt, weil dessen Konzentration zu gering ist.
In dieselbe Kerbe schlägt Prof Dr. Wink (Universität Heidelberg), indem er schreibt, dass in einem Vielstoffgemisch eine Kooperativität der verschiedenen Komponenten vorliegt und dass ein z.B. antimikrobieller Effekt sicher größer ist, wenn zugleich Proteine und Biomembrane angegriffen werden, als wenn nur ein einzelnes Target (= Angriffspunkt für Wirkstoffe) bekämpft wird (Wink, 2008). Die Gefahr der Bildung von Resistenzen ist zudem erschwert, da ätherische Öle je nach Anbaugebiet bzw. Herkunft und Erntezeitpunkt etc. ein stets minimal in ihrer Zusammensetzung verändertes Produkt bilden, das Keimen erschwert nötige Enzyme zur Abwehr zu bilden (Zimmermann, 2022, S.154).
Je nach Anwendung gelangen ätherische Öle früher oder später in die Blutbahn und werden über die Leber (größtenteils über Cytochrom P450 Enzyme) verstoffwechselt. Zu guter Letzt werden sie, als wasserlösliches Produkt, über die Nieren ausgeschieden (Hillert & Heuberger, 2026; Zimmermann,2022, S.147-149). Da es sich um lipophile Substanzen handelt, können die Inhaltsstoffe, je nach chemischer Beschaffenheit, vermutlich aber auch im Fettgewebe angereichert und von dort langsam wieder ins Blut abgegeben und – wie oben beschrieben – ausgeschieden werden, so wie das zum Beispiel bei THC (ebenso eine lipophile Substanz) der Fall ist. Dieses Cannabinoid ist deshalb auch noch mehrere Wochen nach Absetzen der Anwendung im Harn nachweisbar (Gesundheitsportal.at).
Toxikologische Studien zu synthetischen Duftstoffen liegen nur in den seltensten Fällen vor (Stappen, 2023). Auf Grund von Untersuchung wurden aber bereits einige Nitromoschusverbindungen (z.B. Ambrettemoschus), die in der Parfumindustrie eingesetzt wurden, verboten, da ihnen eine neurotoxische und oder/mutagene Wirkung nachgewiesen werden konnte (Brunn & Rimkus, 1997, zitiert nach Deutsch-Grasl et al., 2023, S. 68).
Zusätzlich muss man bedenken, dass auch künstlich hergestellte Duftstoffe vom Organismus aufgenommen werden, wenn sie die entsprechenden Eigenschaften mitbringen (Lipophilie, Größe, …). Da es sich dabei aber um „neue Produkte“ handelt, gibt es weder Erfahrungswerte noch Untersuchungen, was sie im Körper bewirken (Stappen, 2023).
Letztendlich sollte man auch nicht außer Acht lassen, was diese Stoffe möglicherweise in Böden, Wasser und anderen Mikroorganismen bewirken, in welche sie am Ende einer Anwendung gelangen werden (FORUM ESSENZIA e. V., o. J.).
Fazit: Obwohl es möglicherweise als wirtschaftlich verlockend erscheint, billigere Duftöle in der Therapie anzuwenden, kann dadurch nicht der wissenschaftlich bewiesene positive Effekt einer korrekt angewandten Aromatherapie und Aromapflege erzielt werden. Denn aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzung können sich auch die biologischen Wirkungen ätherischer Öle, synthetisch nachgebildeter Duftöle und isolierter Einzelverbindungen unterscheiden. Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit ätherischer Öle lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf synthetisch nachgebildete Duftöle oder einzelne isolierte Inhaltsstoffe übertragen. Für eine evidenzorientierte Aromatherapie und Aromapflege ist daher entscheidend, die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse unter Berücksichtigung der jeweils untersuchten Substanzen und ihrer Zusammensetzung zu bewerten.
Literatur
Deutsch-Grasl, E., Buchmayr, B. & Fink, M. (2023). Aromapflege Handbuch: Leitfaden für den Einsatz ätherischer Öle im Gesundheits-, Krankenpflege- und Sozialbereich (5. Aufl.). Aromapflege Verlag.
FORUM ESSENZIA e. V. (o. J.). Irrtümer, Mythen und Halbwahrheiten. Zugriff am 10.08.2026. Verfügbar unter https://www.forum-essenzia.org/irrtuemer_mythen_halbwahrheit.html
Heuberger, E., Hongratanaworakit, T. & Buchbauer, G. (2006). East Indian Sandalwood and alpha-santalol odor increase physiological and self-rated arousal in humans. Planta medica, 72(9), 792–800. https://doi.org/10.1055/s-2006-941544
Hongratanaworakit, T., Heuberger, E. & Buchbauer, G. (2004). Evaluation of the effects of East Indian sandalwood oil and alpha-santalol on humans after transdermal absorption. Planta medica, 70(1), 3–7. https://doi.org/10.1055/s-2004-815446
Stappen, I. (2023). Synthetische Duftstoffe versus natürliche Duftstoffe. In E. Deutsch-Grasl, B. Buchmayr & M. Fink (Hrsg.), Aromapflege Handbuch: Leitfaden für den Einsatz ätherischer Öle im Gesundheits-, Krankenpflege- und Sozialbereich (5. Aufl., S. 65–69). Aromapflege Verlag.
Valussi, M. (2014). Essential oils and their biological activities in the light of evolutionary theory: A review of the field including synergy and network pharmacology. International Journal of Clinical Aromatherapy, 9(1–2), 69–84.
THC/Gesundheitsportal – Gesundheit.gv.at. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz https://www.gesundheit.gv.at/labor/laborwerte/alkohol-drogen/cannabinoide1.html (aufgerufen am 12.8.2026)
Wink M. (2008). Evolutionary advantage and molecular modes of action of multi-component mixtures used in phytomedicine. Current drug metabolism, 9(10), 996–1009. https://doi-org/10.2174/138920008786927794
Zimmermann, E. (2022). Aromatherapie für Pflege- und Heilberufe: Kursbuch für Ausbildung und Praxis (7., überarb. u. erw. Aufl.). Karl F. Haug Verlag.
